Kosten einer Praxisgründung: Rechenbeispiel Allgemeinmedizin
Investitionen, Betriebsmittelreserve und laufende Kosten einer Hausarztpraxis: ein nachvollziehbares Rechenbeispiel für Neugründung und Übernahme.
Eine hausärztliche Praxis zu gründen kostet nach Durchschnittswerten aus der Gründungsförderung rund 190.000 Euro bei einer Übernahme und gut 200.000 Euro bei einer Neugründung. Dazu kommt eine Liquiditätsreserve für die ersten Monate. Das folgende Rechenbeispiel zeigt, wie sich diese Summen zusammensetzen und welche Posten Sie für Ihre eigene Planung prüfen sollten.
Durchschnittswerte als Orientierung
Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank wertet gemeinsam mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung regelmäßig die von ihr begleiteten Existenzgründungen aus. Nach der Auswertung für 2022 und 2023 lagen die Gesamtinvestitionen bei der Übernahme einer hausärztlichen Einzelpraxis im Schnitt bei rund 188.000 Euro. Davon entfielen etwa 110.000 Euro auf den Übernahmepreis und knapp 80.000 Euro auf Modernisierung und Ausstattung. Eine hausärztliche Neugründung kostete im Schnitt gut 205.000 Euro. Nach der folgenden Auswertung für 2023 und 2024 liegen die Investitionen für Übernahmen weiter knapp unter 200.000 Euro, wobei der Anteil für Modernisierung und Ausstattung wächst.
Diese Werte sind Durchschnitte. Einzelne Praxen liegen deutlich darunter oder darüber, etwa wegen der Lage, der Größe oder eines aufwendigen Umbaus. Für fachärztliche Praxen mit teurer Technik sind die Summen oft wesentlich höher.
Rechenbeispiel: Neugründung einer hausärztlichen Einzelpraxis
Das folgende Beispiel ist eine Modellrechnung mit angenommenen, gerundeten Werten. Es beschreibt keine reale Praxis und ersetzt kein Angebot oder keine Beratung. Annahmen: gemietete Räume von etwa 150 Quadratmetern in einer Mittelstadt, Einzelpraxis mit zwei Vollzeit- und einer Teilzeitkraft, Grundausstattung für die hausärztliche Versorgung.
| Posten | Annahme in Euro |
|---|---|
| Umbau und Renovierung der Mieträume | 40.000 |
| Möblierung von Empfang, Wartebereich und Behandlungsräumen | 20.000 |
| Medizinische Geräte, etwa EKG, Ultraschall, Lungenfunktion, Laborgeräte, Sterilisation | 55.000 |
| Praxisverwaltungssystem, Hardware, Netzwerk, Anbindung an die Telematikinfrastruktur | 15.000 |
| Erstausstattung Verbrauchsmaterial und Notfallausstattung | 5.000 |
| Gründungsnebenkosten: Beratung, Verträge, Mietkaution, Website, Praxisschild | 15.000 |
| Investitionen gesamt | 150.000 |
| Betriebsmittelreserve für die Anlaufphase | 60.000 |
| Kapitalbedarf gesamt | 210.000 |
Die Summe liegt damit in derselben Größenordnung wie die Durchschnittswerte. Wer gebrauchte Geräte kauft, Räume ohne großen Umbau findet oder Leasing nutzt, kommt mit weniger aus. Ein aufwendiger Umbau, eine Praxis in einer teuren Innenstadtlage oder ein größeres Leistungsspektrum treiben die Kosten nach oben.
Variante: Übernahme einer Hausarztpraxis
Bei einer Übernahme verschiebt sich der Kapitalbedarf. Statt Umbau und Komplettausstattung zahlen Sie einen Kaufpreis für Einrichtung und ideellen Praxiswert. Hinzu kommen fast immer Investitionen, etwa für neue Geräte oder eine modernere Software.
| Posten | Annahme in Euro |
|---|---|
| Kaufpreis (materieller und ideeller Wert) | 110.000 |
| Modernisierung, neue Geräte, IT | 60.000 |
| Gründungsnebenkosten: Praxisbewertung, Anwalt, Steuerberatung | 10.000 |
| Investitionen gesamt | 180.000 |
| Betriebsmittelreserve | 30.000 |
| Kapitalbedarf gesamt | 210.000 |
Die Betriebsmittelreserve ist hier kleiner, weil die Praxis vom ersten Tag an Umsätze erzielt. Ganz verzichten sollten Sie darauf aber nicht, denn auch bei einer Übernahme zahlt die Kassenärztliche Vereinigung zeitversetzt. Ob sich Übernahme oder Neugründung für Sie eher lohnt, beleuchtet der Vergleich Praxisübernahme oder Neugründung.
Laufende Kosten nicht unterschätzen
Neben den einmaligen Investitionen entscheiden die laufenden Kosten darüber, wie schnell eine Praxis profitabel wird. Typische monatliche Posten sind:
- Personal: meist der größte Block, einschließlich Arbeitgeberanteilen zur Sozialversicherung
- Miete und Nebenkosten für Praxisräume
- Kreditraten für Investitions- und Betriebsmittelkredite
- Software, Wartung und IT-Dienstleistungen, einschließlich Telematikinfrastruktur
- Versicherungen, insbesondere Berufshaftpflicht und Praxisinhaltsversicherung
- Beiträge zu Ärztekammer, Versorgungswerk und Kassenärztlicher Vereinigung
- Verbrauchsmaterial, Labor, Fortbildung, Steuerberatung
Hinzu kommt der eigene Lebensunterhalt. In der Planung sollte deshalb nicht nur die Praxis, sondern auch der private Bedarf für die Anlaufphase gedeckt sein.
Warum die Betriebsmittelreserve so wichtig ist
Kassenärztliche Vereinigungen rechnen die Leistungen quartalsweise ab. Während des Quartals zahlen sie Abschläge, die sich bei bestehenden Praxen an früheren Umsätzen orientieren. Die Restzahlung folgt erst einige Monate nach Quartalsende. Bei einer Neugründung sind die Abschläge zu Beginn gering, weil es keine Vorjahreswerte gibt. Gleichzeitig wächst die Patientenzahl erst nach und nach.
In der Praxis bedeutet das: Die ersten Monate sind fast immer defizitär, auch wenn die Praxis gut anläuft. Eine Liquiditätsplanung über mindestens zwei Jahre zeigt, wann der Tiefpunkt erreicht ist und wie groß die Reserve sein muss. Privatliquidationen fließen zwar schneller, machen in einer Hausarztpraxis aber meist nur einen kleineren Teil der Einnahmen aus.
So finanzieren Sie die Praxis
Die meisten Praxisgründungen werden über Bankkredite finanziert. Viele Banken haben Spezialteams für Heilberufe und kennen die Besonderheiten der KV-Abrechnung. Üblich ist eine Kombination aus:
- Investitionskredit für Kaufpreis, Umbau und Ausstattung, oft mit tilgungsfreier Anlaufzeit
- Förderkredit der KfW oder der Landesförderbank, über die Hausbank beantragt
- Betriebsmittelkredit oder Kontokorrentrahmen für die Anlaufphase
- Leasing für Geräte und IT, um die Anfangsinvestition zu senken
- Niederlassungsförderung der Kassenärztlichen Vereinigung oder der Kommune in unterversorgten Regionen
Einen Überblick über Förderkredite und Zuschüsse gibt der Bereich Finanzierung und Förderung. Wichtig: Förderkredite müssen in der Regel beantragt werden, bevor Sie Kauf- oder Mietverträge für das Vorhaben unterschreiben.
Warum die Fachrichtung den Kostenrahmen bestimmt
Die Allgemeinmedizin gehört zu den Fachrichtungen mit vergleichsweise geringem Technikbedarf. Ultraschall, EKG, Lungenfunktion und einfache Laborgeräte sind deutlich günstiger als die Ausstattung einer radiologischen, augenärztlichen oder orthopädischen Praxis mit Großgeräten, Operationsbereich oder Bildgebung. Auswertungen zu fachärztlichen Gründungen zeigen entsprechend große Unterschiede zwischen den Fachgruppen. Wer die Zahlen dieses Beispiels auf eine andere Fachrichtung übertragen will, sollte deshalb vor allem die Geräteliste und den Raumbedarf neu kalkulieren.
Steuern und Abschreibungen
Investitionen in Geräte, Einrichtung und den ideellen Praxiswert wirken nicht sofort in voller Höhe als Kosten, sondern werden über die Nutzungsdauer abgeschrieben. Bei einer Übernahme beeinflusst deshalb schon die Aufteilung des Kaufpreises auf materielle Güter und Praxiswert die Steuerlast der ersten Jahre. Hinzu kommen Einkommensteuervorauszahlungen, die das Finanzamt nach den ersten Gewinnen festsetzt und die in der Liquiditätsplanung oft fehlen. Eine Steuerberatung mit Erfahrung bei Heilberufen sollte die Planung von Anfang an begleiten.
Häufige Planungsfehler
- Schätzungen statt Angebote: Umbau und Technik werden oft zu knapp angesetzt. Konkrete Angebote mehrerer Anbieter machen die Planung belastbar.
- zu optimistische Fallzahlen: Gerade bei einer Neugründung wächst der Patientenstamm meist langsamer als erhofft.
- fehlende private Reserve: Lebenshaltungskosten, Versicherungen und Altersvorsorge laufen auch in Monaten ohne Gewinn weiter.
- Steuervorauszahlungen vergessen: Nach den ersten Gewinnen setzt das Finanzamt Vorauszahlungen fest, teils zusätzlich zu Nachzahlungen.
- Förderung zu spät geprüft: Wer Verträge unterschreibt, bevor der Förderkredit beantragt ist, verliert unter Umständen den Anspruch.
Businessplan als Grundlage
Jede Bank erwartet einen Businessplan mit Investitionsplan, Umsatz- und Kostenplanung und Liquiditätsvorschau. Für eine Übernahme gehören die Zahlen der Vorjahre dazu, für eine Neugründung eine begründete Schätzung der Fallzahlen, etwa auf Basis der Versorgungslage im Planungsbereich. Wie ein solcher Plan aufgebaut ist, erklärt der Leitfaden Businessplan für Health-Startups, dessen Grundstruktur auch für Praxen gilt.
Checkliste: Kostenplanung einer Praxisgründung
- Investitionsplan mit Angeboten für Umbau, Geräte und IT, nicht nur Schätzungen
- Puffer für unvorhergesehene Kosten, etwa beim Umbau
- Liquiditätsplanung für mindestens 24 Monate mit realistischer Fallzahlentwicklung
- Abschlagszahlungen und Auszahlungstermine der KV erfragen
- privaten Lebensunterhalt und Steuervorauszahlungen einplanen
- Förderkredite und regionale Niederlassungsförderung vor Vertragsabschluss prüfen
- Angebote mehrerer Banken vergleichen
Fazit
Für eine hausärztliche Einzelpraxis sind rund 200.000 Euro ein realistischer Orientierungswert, egal ob Übernahme oder Neugründung. Entscheidend ist weniger die Investitionssumme als die Liquidität in der Anlaufphase. Wer mit konkreten Angeboten plant, eine Reserve für die zeitversetzte KV-Vergütung vorsieht und Förderkredite rechtzeitig beantragt, startet auf solider Grundlage. Die übrigen Schritte von der Zulassung bis zur Übergabe beschreibt der Bereich Praxisgründung.
Fragen und Antworten
- Wie viel Eigenkapital brauche ich für eine Praxisgründung?
- Viele Praxisgründungen werden ganz oder weitgehend über Kredite finanziert, weil Banken Heilberufe als vergleichsweise sichere Kreditnehmer einstufen. Eigenkapital verbessert aber die Konditionen und schafft einen Puffer für unerwartete Kosten. Wie viel eine Bank erwartet, hängt vom Vorhaben und der Bonität ab.
- Warum brauche ich einen Betriebsmittelkredit?
- Die Kassenärztliche Vereinigung rechnet quartalsweise ab und zahlt die Restvergütung erst Monate nach Quartalsende. Abschlagszahlungen gibt es zwar, sie richten sich aber nach bisherigen Umsätzen und sind bei einer neuen Praxis anfangs gering. Miete, Gehälter und Kreditraten laufen dagegen sofort, deshalb überbrückt ein Betriebsmittelkredit oder Kontokorrentrahmen die Lücke.
- Welche Förderkredite gibt es für Arztpraxen?
- Gängig sind Gründungskredite der KfW, die über die Hausbank beantragt werden, und Darlehen der Landesförderbanken. In unterversorgten Regionen fördern manche Kassenärztlichen Vereinigungen und Kommunen Niederlassungen zusätzlich mit Zuschüssen oder Umsatzgarantien. Förderkredite müssen in der Regel vor Beginn des Vorhabens beantragt werden.
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Zuletzt überarbeitet am 26. Oktober 2026.